Meldungen aus dem Landesverband Niedersachsen

Bildungsprojekt bringt Gewissheit

Die Initative des Volksbunds ermöglicht der Ärztin aus den USA, das Grab ihres großen Bruders Victor zu besuchen. Er starb als Säugling 1946 im DP-Camp Ostrhauderfehn.

Enthüllten stellvertretend für die Projektgruppe die Tafel (v.li.): Leander Schilder, Maila Buskohl und Celine Smidt. Marco Wingert

Erleichterung, Zuversicht und Freude an einem Ort des Gedenkens und der Trauer – dass dies kein Widerspruch sein muss, zeigte sich am vergangenen Wochenende, als eine Geschichtstafel auf dem Friedhof Rhauderfehn-Langholt eingeweiht wurde. Nach einem Jahr der intensiven Beschäftigung mit der Geschichte des Ortes und dem Schicksal der dort Bestatteten übergaben Schülerinnen und Schüler der Schule am Osterfehn in Ostrhauderfehn die Tafel der Öffentlichkeit. Dabei fiel der Blick der Jugendlichen immer wieder auf den ganz besonderen Besuch, der sich für diese Veranstaltung angekündigt hatte: Dr. Halina Woroncow aus Minnessota in den USA.

Die Ärztin war nach Nordwestdeutschland gereist, um erstmals das Grab ihres 1946 verstorbenen großen Bruders Victor zu besuchen und der Projektgruppe um Lehrer Torsten Bildhauer und Bildungsreferentin Johanna Knoop sowie der Kirchengemeinde in Langholt zu danken. Durch deren Arbeit wurde das Schicksal von über 20 Säuglingen und Kleinkindern bekannt, die auf der Kriegsgräberstätte in Langholt ihre letzte Ruhe fanden. Darunter auch Victor Woroncow, Halina Wonroncows Bruder.

Victors kurzes Leben und sein früher Tod sind leider nicht unüblich für die Kriegs- und unmittelbare Nachkriegszeit. Er kam als Sohn zweier frührer Zwangsarbeiter, Timofei und Eugenia Woroncow im Sommer 1945 in Krombach zur Welt. Zuvor waren seine Eltern aus Thüringen geflohen, wo sie bis Kriegsende Zwangsarbeit leisten mussten. Um der Roten Armee und der Repatriierung in die Sowjetunion zu entgehen, machte sich das Ehepaar samt der hochschwangeren Eugenia auf den Weg nach Westen. Nach mehreren Wochen Reise und Victors Geburt wurde für sie von den britischen Besatzungsbehörden die Unterbringung im DP-Camp Ostrhauderfehn angeordnet. Hier – wie auch im benachbarten Rhauderfehn – wurden in vielen Bereichen des Ortes die deutschen Bewohner aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen, damit dort frühere Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter (nun sogenannte DPs, also „Displaced Persons“) wohnen konnten. Im strengen Winter 1945/46 erkrankte der kleine Victor schwer und starb anschließend, wohl an einer Lungenentzündung. Er wurde auf dem Friedhof in Langholt beigesetzt – wie viele anderen Kleinkinder und Säuglinge von DPs. Timofei und Eugenia Woroncow verließen später Ostrhauderfehn und wurden anderen DP-Camps zugewiesen, unter anderem in Bockhorn und Hannover. 1950 konnten sie dann in die USA emigrieren, wo sie sich in New Jersey eine neue Existenz aufbauten. Hier kam dann Halina Woroncow zur Welt.

Als Bildungsreferentin Johanna Knoop im Rahmen des Schulprojekts zu den Namen der toten Kinder recherchierte, gelang es ihr, Halina Woroncow ausfindig zu machen und Kontakt herzustellen. Bald „trafen“ sich die Schülerinnen und Schüler und die Ärztin aus den USA im Rahmen eines Videotelefonats. Schnell zeigte sich, wie beeindruckt die jüngere Schwester des kleinen Victor von der Arbeit der Jugendlichen und des Volksbunds war und wie wichtig es ihr war, von seiner letzten Ruhestätte zu erfahren. Was sich anschließend über Monate anbahnte, stand schließlich fest: Sie kommt nach Deutschland, um der Einweihung der Tafel beizuwohnen. Im Rahmen ihrer einwöchigen Reise nach Deutschland lernte Halina Woroncow dann nicht nur die Schülerinnen und Schüler endlich persönlich kennen – sie nutzte die Zeit zudem, Stationen des beschwerlichen Weges ihrer Eltern zu bereisen. Von Bremerhaven – dem Ort der Auswanderung – über Hannover, bis Bilmuthausen in Thüringen. Überall auf dem Weg wurde sie dabei von vielen engagierten Personen empfangen und begleitet, teilweise Haupt- und Ehrenamtliche des Volksbunds.

Was das Wissen um den Begrabnisort des kleinen Victor ihr bedeutet, machte Halina Woroncow in ihrer Rede anlässlich der Tafel-Einweihung deutlich. Victors Existenz sei für sie bislang eher abstrakt gewesen, doch nun sei er ihr als Person, als Bruder sehr viel näher und greifbarer. Sie danke besonders den Schülerinnen und Schülern, Lehrer Torsten Bildhauer und Bildungsreferentin Johanna Knoop sowie der Kirchengemeinde St. Bonifatius und der politischen Gemeinde, die die Finanzierung der Tafel übernommen hatte. Im Anschluss an die Feierstunde fand ein Gedenkmoment in kleinem Kreis statt, in dessen Rahmen ein orthodoxer Priester zusammen mit dem Rhauderfehner Pfarrer Victors gedachte. Halina Woroncow ist nun in ihre Heimat zurückgekehrt, mit etwas Erde vom Grab des Bruders im Gepäck und in der Gewissheit, dass viele Menschen im fernen Norddeutschland sich weiterhin gerne um das Grab ihres Bruders kümmern werden. 

Der Norddeutsche Rundfunk hat die Feierstunde anlässlich der Tafel-Einweihung gefilmt. Den Beitrag finden Sie hier.
 

Eindrücke von der Einweihung der Tafel in Langholt

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