Kraftvoll erklangen Orgel und Blechbläser in der hannoverschen Marktkirche. „Neues Haus Brass“ und Ulfert Smidt an der Orgel gestalteten den musikalischen Rahmen des Gedenkkonzerts zum Volkstrauertag.
Die Landesfeier begann mit einer Begrüßung durch Stadtsuperintendent Rainer Müller-Brandes. Es folgten Redebeiträge von Hanna Naber, Präsidentin des Niedersächsischen Landtages, und Grant Hendrik Tonne, Niedersächsischer Minister für Wirtschaft, Verkehr und Bauen und Landesvorsitzender des Volksbundes. Beide betonten die Notwendigkeit einer vielfältigen und an alle Opfergruppen von Krieg und Gewaltherrschaft erinnernden Gedenkkultur.
„Der Volkstrauertag ist ein Tag der Rückschau. Ein Tag der Trauer. Aber mehr noch: ein Tag der Erschütterung – angesichts der Gewalt, die Menschen anderen Menschen antaten.“, so Naber. Und weiter: „Wir erinnern heute am Volkstrauertag an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. An die, die ihr Leben verloren in Lagern und an Fronten. An die Verfolgten. An die Verschleppten. An die Kinder. An die Mütter. Und an jene, die widerstanden. Oft um den Preis ihres Lebens. Und wir erinnern, weil wir wissen: So etwas beginnt nicht mit Bomben. Es beginnt mit Worten. Mit Abwertung. Mit der Entmenschlichung. Es beginnt im Kopf – und wir sehen es täglich: in hasserfüllten Kommentaren, in verbaler Gewalt, in der schleichenden Verrohung unseres Miteinanders.“
Zu Beginn seiner Rede erinnerte Tonne anhand von drei Bespielen an Menschen, die in den letzten Kriegstagen ums Leben kamen. Diese Beispiele zeigten, wie gefährlich die Situation für ganz verschiedene Gruppen von Menschen zu Kriegsende war. Bis zum Kriegende funktionierten die todbringenden Mechanismen des NS-Regimes für Zivilisten, KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie für diejenigen, bei denen Fahnenflucht vermutet wurde. Diese drei Beispiele aber hätten eines gemeinsam: Sie seien im Zuge der Erstellung von Geschichts- und Erinnerungstafeln des Volksbunds recherchiert und dokumentiert worden. Mittlerweile gäben mehr als 200 solcher Tafeln in Niedersachsen Auskunft, wer auf Kriegsgräberstätten bestattet wurde und was in der Zeit des Ersten oder Zweiten Weltkriegs vor Ort passiert ist. Das Besondere daran: In der Regel würden die Tafeln von Schülerinnen und Schülern erstellt, die – angeleitet von ihren Lehrkräften sowie unseren Bildungsreferentinnen- und -referenten – selbst entscheiden, welche Inhalte veröffentlicht werden. Und weiter: „Dies ist besonders auch deshalb wichtig, weil es Bemühungen gibt, unsere differenzierte demokratische Erinnerungs- und Gedenkkultur zu Re-Nationalisieren. Wir erleben, dass zunehmend Narrative bedient werden, die wir überwunden glaubten. Statt alle Gruppen von Toten unter Einbeziehung der historischen Forschung in den Blick zu nehmen, werden Erzählungen bedient, die eher den 1950er-Jahren entsprechen als den 2020er-Jahren.“
Beeindruckend war auch der Beitrag von Schülerinnen und Schülern der IGS Roderbruch aus Hannover. Sie berichteten von ihrer Projektfahrt nach Ypern. Dort hatten sie Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges besucht und zu Schicksalen von Kriegstoten recherchiert. Sie betonten, wie wichtig es für Gegenwart und Zukunft sei, sich mit der Geschichte auseinander zu setzen, um solch furchtbare Konflikte zu vermeiden.
Vor dem Konzert hatten Kranzniederlegungen am Jüdischen Mahnmal und in der Aegidienkirche stattgefunden.