Meldungen aus dem Landesverband

Perspektivwechsel - Den Umgang mit Geschichte verstehen

Filmvorführung und Diskussion im Filmpalast Wolfenbüttel mit über 100 Zuschauern

Wolfenbüttel. Der Bezirksverband Braunschweig des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, das Bildungszentrum des Landkreises Wolfenbüttel und die Deutsch-Französische Gesellschaft Wolfenbüttel haben gemeinsam die Vorführung des Films „Die Geschichte der Anderen – L’Histoire des autres“ organisiert. Am 22. Januar kamen über 100 Zuschauer in den Filmpalast nach Wolfenbüttel.

Der Bezirksvorsitzende Walter-Johannes Herrmann begrüßte die Anwesenden und die Filmemacherin Marie Gautraud. Dabei hob er hervor, dass die Veranstaltung bewusst auf den 22. Januar gelegt worden sei – dem deutsch-französischen Tag. Dieser Tag erinnert an die Unterzeichnung des Elysee-Vertrags am 22. Januar 1963 durch Konrad Adenauer und Charles de Gaulle. Der Vertrag ist der entscheidende Meilenstein auf dem Weg zur Aussöhnung zwischen Deutschen und Franzosen. Darum ist das Datum für den Volksbund wichtig, steht es doch auch für sein Motto: „Versöhnung über den Gräbern – Gemeinsam für den Frieden.“ Und genau darum ging es in dem Film: Wie erinnern Schülerinnen und Schüler in Deutschland und Frankreich heutzutage an die Geschichte des Ersten Weltkriegs?

Im Anschluss an den Film entwickelte sich eine lebhafte Diskussion über den Geschichtsunterricht in Deutschland und Frankreich, über den sehr unterschiedlichen Umgang mit der – gemeinsamen – Geschichte von Krieg und Gewalt, über den Stellenwert des Nationalen in unseren Gesellschaften.

In einem Interview berichtete Marie Gautraud über die Entstehung des Films.

Frau Gautraud, warum haben Sie diesen Film gedreht?

„Vor meinem Filmstudium hatte ich ein Jahr Geschichte in Bordeaux studiert. Während dieser Zeit fragte ich mich, was uns in Frankreich im Fach Geschichte eigentlich gelehrt wird. Bislang war für mich die Geschichte in der Vergangenheit eingefroren. Aber an der Universität entdeckte ich, dass Geschichte in Bewegung ist, dass sie sich mit dem wissenschaftlichen Fortschritt entwickelt. Ich fragte mich dann, warum uns in der Schule nicht vermittelt wurde, dass Geschichte immer einer bestimmten Perspektive verpflichtet ist. Darum wollte ich in andere europäische Länder gehen, um zu sehen, wie dort Geschichte unterrichtet wird.
Im Laufe meiner Forschungen und im Zusammenhang mit dem 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs entschied ich mich, den Film auf den Unterricht über den Ersten Weltkrieg in Frankreich und Deutschland zu konzentrieren.“

Welche Probleme haben Sie während der Dreharbeiten überwunden?

„Ich hatte Schwierigkeiten eine deutsche Schulklasse zu finden, die mich für die Dreharbeiten aufnehmen wollte. Tatsächlich wird im Vergleich zu Frankreich der Erste Weltkrieg in Deutschland viel weniger intensiv unterrichtet. Mein Gegenstand war für viele deutsche Lehrer also nicht sehr interessant.“

Was hat Sie am meisten überrascht?

„Die Art und Weise wie die Deutschen Geschichte unterrichten, indem sie zwischen der Aktualität und den historischen Ereignissen Parallelen ziehen. Darüber hinaus fragen sie die Schülerinnen und Schüler nach ihrer Meinung, das ist im französischen Bildungswesen unvorstellbar.“

Wie sehr hat die Arbeit Ihre Vorstellung von Frankreich und Deutschland verändert?

„Die Filmaufnahmen erlaubten es mir, die Beziehungen besser zu verstehen, die Franzosen und Deutsche zu ihrer Vergangenheit unterhalten. In Frankreich bleibt die Geschichte ein Faktor des Stolzes und des Patriotismus, während sie in Deutschland ein Faktor des Pazifismus und der Besonnenheit ist. Ich fand es faszinierend zu sehen, wie sich jedes Land heute definiert und welche Werte es an die junge Generation weitergeben will.“

Nach Ihren Erfahrungen: Was können Franzosen und Deutsche voneinander lernen?

„Die Deutschen unterrichten Geschichte, indem sie die Schülerinnen und Schüler mit einem Ansatz konfrontieren, der der historischen Forschung nahe kommt. Ich denke die Franzosen sollten sich von dieser deutschen Methode inspirieren lassen. Die Deutschen könnten eine Wissensbasis wie die Franzosen erlernen, um effizienter argumentieren zu können. Aber ich denke, das Wichtigste ist der kritische Blick auf die Geschichte, und dass der Geschichtsunterricht ein Werkzeug zur Entschlüsselung der heutigen Welt sein sollte. Wenn wir den Rückzug auf uns selbst und den Aufstieg nationalistischer Parteien verhindern wollen, dann müssen wir mit einem Unterricht beginnen, der offen ist für die Anderen, denn ihre Geschichte zu kennen erlaubt es, sich besser zu verstehen.“


Bilder und Text

Dr. Rainer Bendick, Bildungsreferent Volksbund Braunschweig

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