Spuren des Zweiten Weltkrieges in Hannover
Unsere freiheitliche Demokratie und unser Grundgesetz sind Antworten auf die verbrecherische Diktatur der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Spuren des Zweiten Weltkrieges und der NS-Verbrechen finden sich zahlreich auch in Hannover, in unserem Lebensumfeld. Demokratische Erinnerungskultur hat zum Ziel, an die Folgen der NS-Diktatur zu erinnern, den Opfern zu gedenken und den Wert der Demokratie und der Menschenwürde deutlich zu machen. Die Vergangenheit zu kennen hilft, eine positive Zukunft mitzugestalten.
Vom 21. bis 23. September haben sich 18 Schülerinnen und Schüler der St.-Ursula-Schule aus den Jahrgängen 9 bis 13 mit der nationalsozialistischen Diktatur und demokratischer Gedenk- und Erinnerungskultur auseinandergesetzt. Was geschah in Hannover unter der NS-Herrschaft? Wie hat sich der Zweite Weltkrieg in Hannover ausgewirkt? Wie hat sich die Stadtgesellschaft im Nationalsozialismus verhalten? Welche Konsequenzen konnten individuelle Entscheidungen in einem Spannungsfeld zwischen Mittäterschaft und Widerstand haben? Woran und an welchen Orten erinnern wir uns heute mit offiziellen Gedenk- und Erinnerungstagen? Welches gesellschaftliche Selbstverständnis spiegelt sich in der heutigen Erinnerungskultur wider und wie hat sie sich entwickelt? Diesen Leitfragen sind die Schülerinnen und Schüler in den drei Projekttagen zusammen mit dem Bildungsreferenten des Volksbundes, Coskun Tözen, nachgegangen. Dabei haben sie auch Gedenk- und Erinnerungsorte in Hannover besucht.
Nach einer inhaltlichen Einführung in der Schule hat die Gruppe die Kriegsgräberstätte „Ehrenfriedhof Maschsee-Nordufer” erkundet. Dort sind 386 Zwangsarbeiter, KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene aus der Sowjetunion und anderen europäischen Ländern bestattet, die nach der Befreiung Hannovers von den Alliierten aus Massengräbern auf dem Seelhorster Friedhof umgebettet wurden. An diesem Gedenkort begeht die Stadt Hannover jährlich den Tag der Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft am 8. Mai sowie den Antikriegstag am 1. September. Dabei wirken viele Akteure aus der Stadtgesellschaft maßgeblich mit: Neben der IG Metall und dem Volksbund beteiligt sich beispielsweise die St.-Ursula-Schule, die eine Patenschaft für die Kriegsgräberstätte übernommen hat. Alle zwei Jahre gestalten Schülerinnen und Schüler der Schule im Rahmen eines internationalen Jugendaustauschs aktiv den Gedenktag zum 8. Mai mit.
Am zweiten Projekttag beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler intensiv mit Lebensgeschichten von Menschen während des Nationalsozialismus. Das Team des ZeitZentrums Zivilcourage leitete dabei einen spannenden Workshop unter dem Motto „Mitmachen oder Widerstehen? Handlungsspielräume damals und heute“ die Erkundungen der Gruppe an.
Am dritten Projekttag erkundeten die Schülerinnen und Schüler den Stadtfriedhof Seelhorst, den größten Friedhof Hannovers. Mit über 4.500 Kriegstoten auf verschiedenen Gräberfeldern ist der Friedhof auch die größte Kriegsgräberstätte der Stadt. Hier ruhen zivile Kriegstote aus Hannover, die bei Luftangriffen starben, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus insgesamt zwölf Nationen Europas, Säuglinge und Kinder von Zwangsarbeiterinnen, KZ-Häftlinge und deutsche Soldaten.
Annette Behnk vom Fachbereich Umwelt und Stadtgrün Städtische Friedhöfe empfing die Schülerinnen und Schüler am Haupteingang des Friedhofs. Sie vermittelte interessante Einblicke in die Entwicklung und heutige Gestaltung des Friedhofs. Anschließend erkundete die Gruppe die verschiedenen Kriegsgräberfelder, das Mahnmal für die KZ-Opfer und den Gedenkplatz für die Kriegstoten des Ersten und Zweiten Weltkrieges. Zum Abschluss des Projekttages führten die Schülerinnen und Schüler eine erinnerungskulturelle Geste aus: Sie säuberten einige der Grabsteine mit einer Bürste von witterungsbedingten Verunreinigungen.
Am Donnerstag, dem 24. September, präsentierten die Jugendlichen einem großen Publikum auf dem Schulfest der St.-Ursula-Schule ihre Erfahrungen und Erkenntnisse aus den drei Projekttagen. Unter dem Motto „Du – Ich – Wir“ feierte die Schule ihr 175-jähriges Bestehen, mit Ergebnissen aus 50 verschiedenen Workshops, einem bunten Bühnenprogramm und einem Straßenfest.