„Wir dürfen die Toten nicht vergessen.“
Irmgard Kröncke, Mitglied des Kirchenvorstands von St. Severi und Vorsitzende des Friedhofsausschusses in Otterndorf, begrüßte die Anwesenden zur Einweihung der Tafel. Aufgrund des starken Regens fand die Veranstaltung in der Friedhofskapelle statt.
Die neue Tafel wurde an der Wesermünderstraße vor dem Friedhofsgelände aufgestellt. Auf ihr sind zwölf Orte der Erinnerung und des Gedenkens verzeichnet: Dazu gehören die Gräber von Zwangsarbeiterinnen, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft hier starben, sowie die Stelen, die für 14 verstorbene Kinder von ihnen stehen. „Die Höhe der Stele zeigt das Alter der Kinder“, berichtete Kröncke. Die hier Beerdigten wurden nur einen Tag, maximal siebeneinhalb Monate alt. Die Zwangsarbeiterinnen mussten ihre Säuglinge in sogenannten „Ausländerkinder-Pflegestätten“ abgeben, um weiterarbeiten zu können. Nach der NS-Rassenideologie galten diese Kinder als „minderwertig“. Sie wurden systematisch unterernährt, kaum medizinisch versorgt und unter katastrophalen hygienischen Zuständen untergebracht. Viele von ihnen verstarben.
Weitere Orte sind: ein Gedenkstein für alle Kinder, die durch Krieg und Gewalt ihr Leben verloren haben, das Gefallenendenkmal für die Opfer des Deutsch-Französischen Krieges sowie die Skulptur „Die weinende Mutter Deutschland“. Über die Friedhöfe, die Kirche, aber auch quer durch die Stadt sind nun die auf der Tafel gelisteten Gedenkorte zu finden.
Die Tafel ist ein Kooperationsprojekt der Stadt Otterndorf, der Kirche St. Severi und des Volksbundes Lüneburg/Stade.
„In den heutigen Zeiten wird Erinnerungskultur immer wichtiger”, sagte Otterndorfs Bürgermeister Claus Johannßen. Gerade junge Menschen seien dazu aufgerufen, sich mit Erinnerungskultur auseinanderzusetzen und Schlüsse daraus zu ziehen.
Beteiligung von Jugendlichen hat Tradition
Bereits seit 2014 wurde nach Wegen gesucht, um Jugendliche in die Gedenk- und Erinnerungskultur vor Ort einzubinden. Kröncke, die damals noch an der Johann-Heinrich-Voß-Schule tätig war, recherchierte mit einer zehnten Klasse zu sechs Kriegsgräbern auf dem örtlichen Friedhof und führte Zeitzeugengespräche. Die Ergebnisse wurden von den Jugendlichen zum Volkstrauertag präsentiert.
Seitdem hat sich in Otterndorf ein nachhaltiges Engagement für die Erinnerungskultur entwickelt: Gemeindemitglieder, die Stadtgesellschaft, der Verein „Zukunft durch Erinnern e. V.” und der Volksbund, Bezirksverband Lüneburg/Stade, engagieren sich gemeinsam, um verschiedene Erinnerungsorte sichtbar zu machen. Und auch Schülerinnen und Schüler der Voß-Schule sind weiterhin mit dabei.
„Aus der Geschichte für die Zukunft lernen“
Jan Effinger, Bezirksgeschäftsführer des Volksbundes Lüneburg/Stade, sagte, dass sich aus der Zeitenwende 1945 ergebe: „Aus der Unzahl an Toten ist die Einsicht erwachsen, dass Grabstätten auch Mahnstätten werden. Mahnstätten zum Frieden.“ Die Verstorbenen und ihr Leid dürfen auch heute nicht vergessen werden. Das Motto laute: „Wir müssen aus der Geschichte für die Zukunft lernen“, hob Effinger hervor.
Daher bietet der Volksbund Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern eine Vielzahl von Projekten und Medien im Zusammenhang mit den über 1.300 Kriegsgräberstätten in Niedersachsen an.